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04. Jšnner 2010

Schattenlinie © Xenia Hausner

„Schattenlinie“, 2009,  Mixed Media auf Dibond, ©Xenia Hausner

Eine neue Allianz gegen Terrorzellen!

Ein Kommentar von Edit Schlaffer (Die Presse, 2.1.2010)

Die Angst vor Terror hat uns wieder eingeholt. Es bedarf nur eines einzigen Radikalisierten, der mit tödlicher Entschlossenheit seinen Plan minutiös operationalisiert, um das sorgfältig konstruierte Gebäude von Geheimdienstwissen und Sicherheitsvorkehrungen zu sprengen.
Interessant ist die ummittelbare Reaktion auf den jüngsten Anschlagsversuch auf die Passagiermaschine nach Detroit. Die Forderungen umfassen strikte Sicherheitsbestimmungen von Körperröntgen bis zur Ausweitung des Flugverbots für Terrorverdächtigte. Aber: Es gibt keine Sicherheit, das wissen wir alle, und die Terrorbekämpfungsexperten versuchen uns auch nicht zu beruhigen.

Die Bilder eines US-Demonstrationsvideos, auf dem uns vorgeführt wurde wie die Menge des Pulvers, die Umar Abdulmutallab in seiner Wäsche versteckt hatte, eine Boeing in Sekundenschnelle in eine brennende Staubwolke auflöste, werden uns noch lange begleiten. Sie werden uns spätestens beim nächsten Überseeflug als Flashbacks einholen.

Wenn die Terrorabwehrstrategien uns nicht überzeugen, werden sie auch die Terroristen nicht einschüchtern, und schon gar nicht abhalten. Es fehlt die langfristige Perspektive der Gegenmaßnahmen. Die Attentäter und gewaltbereiten Extremisten sind immer einen Schritt in Form eines tödlichen Anschlages voraus. Der Fall von Umar ist insofern einzigartig, weil sein eigener Vater, ein Angehöriger der nigerianischen Elite, zutiefst beunruhigt über die Radikalisierung seines Sohnes, den verzweifelten Schritt unternahm, die US-Botschaft in Nigeria auf ihn aufmerksam zu machen.
Er war im Jemen untergetaucht und hatte den Kontakt zur Familie abgebrochen. Es gab schon früh Irritationen und Warnsignale. Auf der Website des Islamic Forums schreibt Umar Anfang 2005: ,,Ich habe keinen Freund ... niemand will mir zu nahe kommen, sie gehen alle auf Partys und ich nicht ... ich bin einsam und ich versuche mein sexuelles Verlangen zu kontrollieren, und begehe manchmal kleine sündhafte Übertretungen, indem ich meinen Blick nicht senke [gegenüber Frauen]." Am 5. Februar 2005 stellt er folgende Notiz auf die Website: ,,Ich habe niemals einen wahren muslimischen Freund gefunden ... ich klinge vielleicht langweilig, aber wenn du mich kennen lernen möchtest, versuch es doch einfach.“

Resignation und Wut

Umar ist einer von vielen jungen rastlosen Muslimen, die ihre Religion politisieren und als Waffe missbrauchen. Die Ideologie des Extremismus wird an hochauflösenden Röntgenstrahlen nicht scheitern. Es geht auch um eine andere Art der Aufrüstung. Resignation und Wut in den Köpfen und Herzen der heranwachsenden Jugend müssen rechtzeitig wahrgenommen und ernst genommen werden. Dafür braucht es die Sensibilisierung der Eltern, die als erste erkennen, dass das Leben ihres Kindes außer Balance gerät. Väter und Mütter sind ideal platziert als so genannte „early warning signals“.
Präventive Maßnahmen müssen dort ansetzen wo die Jugend erzogen wird, in den Familien und Schulen. Eine zugegebenermaßen langfristige aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zielführende Terrorabwehrstrategie wäre eine weltweite Initiative, Väter und Mütter zu stärken und zu trainieren, damit sie mit den notwendigen Fähigkeiten für Dialog und Konfrontation ausgestattet sind, um ihre Söhne und Töchter vor den Fallen extremistischer Ideologien und Organisationen zu bewahren. Eine solche Kampagne würde der Zivilgesellschaft, gerade in Krisengebieten wie dem Jemen neuen Auftrieb geben.

In einem Gespräch mit Dr. Mamoud Al-Hitar, dem Minister für religiöse Führung im Jemen, diskutieren wir vor einigen Wochen das von ihm entwickelte De-Radikalisierungsprogramm, welches auf die Kraft der religiösen Botschaften setzt. Die Saudis haben sein Modell ausgeweitet. Am Rande von Riad im Empfangszelt des Rehab-Zentrums für läuterungswillige Terroristen: Hier setzt man neben Religion voll auf Psychotherapie, sie malen, sprechen und beten über viele Monate. Während ich ein Video der Rückholung der Guantánamo-Gefangenen vorgeführt bekomme, höre ich sie nebenan Fußball spielen.

Die Familien sind ein Pfeiler der Reintegrationsbemühungen. Sie werden auch finanziell unterstützt, aber nur unter einer Bedingung: sie müssen aktiv darauf achten, dass ihre Angehörigen nicht wieder in ihren alten radikalen Zirkel abdriften. Auf die kritische Anmerkung hin, ob es den Extremisten nicht zu leicht gemacht wird, reagiert die Leitung pragmatisch: ,,Entweder wir holen sie zurück, oder Al-Qaida.“

Der Anschlagversuchs auf das Flugzeug nach Detroit hat uns wieder verdeutlicht: Es geht um eine langfristige und vor allem glaubwürdige De-Radikalisierung von Gesellschaften. Es steht viel auf dem Spiel: unsere Sicherheit und Stabilität.

(Gastkommentar in der österreichischen Tageszeitung "Die Presse", 2. Jänner 2010)

 
 

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