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08. März 2010

Frauen als Frühwarnsystem

Anmerkungen zum internationalen Frauentag im Kontext der Terrorprävention: Eine globale Mütterbewegung gegen den gewalttätigen Extremismus kämpft für eine neue Friedensarchitektur. Ein Kommentar der Anderen von Edit Schlaffer

Vor fast hundert Jahren hat der Muttertag Konkurrenz bekommen: den internationalen Frauentag, der weltweit am 8. März gefeiert wird. Der Fokus war von Anfang an hochpolitisch: die öffentliche Repräsentation von Frauen und die Durchsetzung des Wahlrechts. Bevor das sperrige Wort Empowerment in den deutschen Sprachgebrauch Einzug hielt, war den Aktivistinnen sehr schnell klar, dass die Voraussetzungen für diesen Befreiungsschlag auf einem sehr schwierigen Territorium ausgefochten werden mussten: in den privaten Wohn- und Schlafzimmern.

Die Revolutionärin Alexandra Kollontai beschreibt den Frauentag 1911 in Deutschland so: "Ein aufgebrachtes Meer von Frauen stürmte die Straßen ... Männer blieben zu Hause bei ihren Kindern, und ihre Ehefrauen sind aus ihrem Hausfrauendasein ausgebrochen."

Die große Herausforderung war die Forderung nach sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit in allen Lebensbereichen. Das Wahlrecht haben die Frauen tapfer erstritten, aber es sollte sich bald herausstellen, dass die Prinzipien von Gleichheit und Gerechtigkeit mit der Privatsphäre inkompatibel schienen. So mussten große Tabuthemen in Angriff genommen werden: Gewalt gegen Frauen, Schwangerschaftsabbruch und die bis dahin unhinterfragte männliche Kontrollinstanz. In der bislang geschlechtshierarchisierten Welt löste die Erschütterung der männlichen Verfügungsmacht über Frauen Schockwellen in der männlichen Identität aus. Das Private wurde zum Politikum deklariert und die Frauen führten die wichtigste und prägendste soziale Bewegung des letzten Jahrhunderts an.

Es gab Phasen der Rückschläge, aber auch der „Erholungspausen", die Frauen unbedingt brauchten, um ihre Kinder - zunehmend allein - zu erziehen, ihr berufliches Fortkommen zu sichern und trotz der vielgepriesenen weiblichen Kompetenz, auf Knopfdruck Mehrfachbelastbarkeit und Multitasking zu beweisen, nicht den Verstand zu verlieren.

Auch an der Psychofront ist viel in Bewegung geraten - die Emotionsfallen wurden analysiert, die übermäßige Bereitschaft der Frauen, sich mit dem Vorhandenen zu arrangieren, in Selbsterfahrungsgruppen attackiert und schließlich im Anschluss an die 68er-Bewegung das Patriarchat endgültig auf den Kopf gestellt.
Während sich die gewohnten Sicherheiten im Privatbereich als zunehmend fragil erwiesen, entstand im Zuge der Globalisierung ein neuer Konfliktherd, der Kulturkonflikt, in dem Frauen oftmals zwischen den Fronten standen und stehen.

Der Anschlag von 9/11 war ein Wendepunkt im globalen Sicherheitsgefüge. Es ist eine neue Bewegung von Frauen entstanden, die als Strateginnen und Expertinnen die Herausforderung von gewalttätigem Extremismus aufgreifen und die Sicherheitsdebatte auf ein neues Fundament stellen wollen.
Die Frauen haben erkannt, dass es im Kampf gegen den Terror auch um einen emotionalen Durchbruch geht: Sie haben erkannt, dass sie die jungen, rastlosen und gewaltbereiten Männer aus allen Gesellschafts- und Bildungsschichten erreichen müssen, um den hochexplosiven Zündstoff zu entschärfen, dessen Detonationen die Welt in regelmäßigen Abständen erschüttern.

"Mothers for Change!" ist die globale Kampagne einer Bewegung, die sich "Save - Sisters Against Violent Extremism" nennt. Ihre Vertreterinnen im Jemen, in Pakistan, Indonesien, in England und Indien haben sich entschlossen, die Kraft der Mütter zu nützen und sie mit den entsprechenden Fähigkeiten auszustatten, um ihre heranwachsenden Kinder vor den Verführungen des gewalttätigen Extremismus zu bewahren.

Vinita Kamte, deren Mann, ein hochrangiger Polizeioffizier, bei den Terroranschlägen in Mumbai im November 2008 sein Leben verlor, ist entschlossen, den Opfern und ihren Angehörigen „ein Gesicht zu geben", damit sie als Zeitzeuginnen die junge Generation mit den Auswirkungen des Terrors konfrontieren. Hanan Ibrahim ist als Flüchtling aus Somalia nach London gekommen und hat an ihrem Küchentisch ein ganzes Netzwerk von somalischen Frauen organisiert, die latente Bedrohungen in ihren Communities orten.

Frauen wie sie sind Frühwarnsysteme - darauf ausgerichtet, den Terror erst gar nicht entstehen zu lassen: eine globale Mütterbewegung als Fundament für eine neue Friedensarchitektur.

Dieser "Kommentar der Anderen" erschien am 8. März 2010 in der Tageszeitung Der Standard

 
 

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