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09. April 2010

Kontrolle über Leben und Tod?

Ein Gastkommentar von Edit Schlaffer, Die Presse, 9. April 2010

Der Anschlag auf die Metro in Moskau war doppelt schockierend: es waren nicht die Bilder von Attentaten auf eine Versammlung von Gläubigen vor einer Moschee im Irak, auf einen Markt in einer pakistanischen Stadt an der afghanischen Grenze – Szenarien, die weit entfernt sind und die wir mit dem Ende der Abendnachrichten wieder wegschalten. Nein, diesmal ging es potentiell um uns. Die Verkehrsadern der urbanen Zentren sind Teil unseres Alltags. Und plötzlich blitzt die latent vorhandene und sorgfältig verdrängte Erkenntnis in uns wieder auf: Nach London, Madrid und Moskau kann es jede andere Stadt treffen und wir werden plötzlich Zielscheibe von irrationalen Attentätern im Kostüm von Gotteskriegern.

60 Selbstmordanschläge von Frauen
Schockiert hat uns aber auch die Nachricht, dass zwei junge Frauen die tödliche Mission ausgeführt haben. Frauen bringen das Leben in die Welt und bewahren es, mit allen Mitteln. In der vorigen Woche sind aber zwei Frauen aufgebrochen, um Leben zu zerstören, mit allen Mitteln, ihr Körper war ihre Waffe. Sie sind keine Ausnahme. Im Irak sind Frauen Vorreiterinnen auf diesem tödlichen Terrain. Zwischen 2007 und 2008 gingen 60 geplante und durchgeführte Selbstmordanschläge auf das Konto von Frauen. Die Rekrutierung von Frauen ist schockierend, aber moralische Überlegungen bringen uns hier nicht weiter. Die Tendenz, zunehmend Frauen einzusetzen, ist steigend und ein alarmierendes Zeichen für den Verlust eines Terrains, das wir als Zivilgesellschaft bezeichnen. Frauen, deren Familienmitglieder getötet wurden, sind Kandidatinnen für diese mörderischen Aktionen. Der Verlust einer Beziehung, ihres Ehemannes oder eines ihrer Kinder ist oft die Motivation für ihr Vorhaben, ist das Öl, das die ohnehin schon entflammten Emotionen zum Brennen bringt. Aber es geht nicht nur um Emotion und Rache, der Verlust eines Mannes im familiären Kontext bedeutet auch Schutzlosigkeit in einer patriarchalen Gesellschaft.

Ohne Ausbildung, ohne Bewegungsfreiheit, ohne Stimme und Wertschätzung sind Frauen öffentlich unsichtbar und handlungsunfähig. Damit können sie potentiell zu Risikofaktoren in ihren Gesellschaften werden, denn Gefühle der Frustration und Demütigung sind mobilisierbar für tödliche Rache, umso mehr, wenn die persönlichen Motive politisch und religiös überhöht werden.

Die Geschichte der jungen Irakerin Baida, die unter Verdacht steht, an Attentatsvorbereitungen beteiligt zu sein, ist aufschlussreich. Sie wurde mit 17 von ihrem Vater verheiratet, ihr Mann war gewalttätig. Ihr Bruder kämpfte gegen die Amerikaner, ihr Cousin wurde bei einer Hausdurchsuchung vor ihren Augen erschossen. Durch einen ihrer männlichen Verwandten wurde sie einer Gruppe vorgestellt, die Selbstmordanschläge durchführte. Und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Baida das Gefühl der Kontrolle, das sie in ihrem Leben nie erfahren hatte. Jetzt hatte sie Kontrolle über ihren Tod.

Friedens-Nobelpreis
Betty Williams, eine Frau in Nordirland, wurde 1976 Zeugin eines tödlichen Zwischenfalls auf einer Straßenkreuzung in Belfast. Ein junger Mann, Mitglied der IRA verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug, als er von einem britischen Soldaten erschossen wurde. Das Auto raste in eine vorbeigehende Familiengruppe, die drei Kinder waren sofort tot. Betty war voll Wut und Verzweiflung über die permanente Gewalt in ihrer Gesellschaft, aber dieses Ereignis war ein entscheidender Wendepunkt. Sie wusste sofort, dass sie etwas tun musste. Sie fand allerdings eine andere Antwort auf den gewalttätigen Extremismus, der ihr Leben erschütterte als Baida in Bagdad fast drei Jahrzehnte später. Gemeinsam mit Mairead Corrigan Maguire mobilisierte sie Friedensmärsche, an denen regelmäßig über 30.000 katholische und protestantische Frauen teilnahmen. Der emotionale Durchbruch war geschafft, der totale Zusammenbruch der politischen Übereinkünfte konnte gestoppt werden, ein Sieg der zivilen Vernunft. Die beiden Frauen bekamen den Friedensnobelpreis. Ihre Aktionen sollten als Orientierungshilfe dienen wie das Schlagwort von Smart Power in Übergangs-und Krisengesellschaften mit Inhalten gefüllt werden könnte. Die Drahtzieher und RekrutInnen der Terroranschläge sind entgegen den stereotypen Zuschreibungen nicht ungebildet und psychisch auffällig. Marc Sageman hat die Lebensläufe von 172 Al Kaida Mitgliedern studiert: über zwei Drittel hatten höhere Schulbildung, einige sogar ein Doktorat und die Mehrheit gehörte der gehobenen Mittelschicht an.

Kluge Akteure
Was sagt uns dieser Befund? Wenn die Akteure klug und gebildet sind, sollte es auch die Mehrheit der Bevölkerung sein, um ihnen nicht ins Netz zu gehen. „Schickt uns eure Professoren!“ lautet der Apell der US Ingenieurin Karim Altail. Sie ist in Bagdad zur Schule gegangen und war wie die meisten Kinder unter großem Druck gut zu lernen, denn der Glaube an Bildung war tief verwurzelt in der irakischen Gesellschaft. Heute sind die Universitäten quer durch den Irak zerstört, 400 ProfessorInnen starben in Anschlägen. Eine Kultur des Optimismus, sorgfältig unterfüttert mit Bildung und Beteiligung, kluger Diplomatie und glaubwürdigem Dialog mitgetragen von Frauen und Jugend , wird das Klima der Angst, basierend auf brüchigen Rache-Slogans langfristig überwinden.

 
 

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