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31. Juli 2012

Pakistan 2012 woman 2

Pakistan: Der Kampf gegen den "Radio Mullah"

Edit Schlaffer für "Die Presse"

Radikale Taliban kontrollieren das pakistanische Swat-Tal, terrorisieren die Bevölkerung und rekrutieren Kinder. Immer mehr Frauen wehren sich dagegen. Doch Extremismus ist nur eines der vielen Probleme Pakistans.

Islamabad
. Vor zehn Jahren kam Fazlullah, lokal besser bekannt als der „Radio-Mullah“, ins nordpakistanische Swat-Tal. Fazlullah kennt die hiesige soziale Ordnung. Und so hat er sich die Macht, die Frauen über ihre Familien und Gemeinschaften ausüben können, strategisch zunutze gemacht. Er war der Erste, der direkt Frauen angesprochen hat und sie mittels Radiopredigten dazu aufforderte, ihn dabei zu unterstützen, „für ihren Glauben und ihr Land zu kämpfen“.

Für die Frauen im Swat zählt der Hochzeitsschmuck zu ihren wertvollsten Besitztümern. Dieser sichert ihren sozialen Status innerhalb der Gemeinschaft. Nach den glühenden Aufrufen von Fazlullah spendeten sie ihre goldenen Eheringe und Halsketten, um sein Anliegen zu unterstützen. Mit den gesammelten zwei Kilogramm Gold konnte er seinen Jihad finanzieren. Manche Frauen ermutigten sogar ihre Söhne und Ehemänner, sich seiner Gruppe anzuschließen. Die Männer, die sich weigerten, ihm zu folgen oder es wagten, seinen Ideologien öffentlich zu widersprechen, wurden brutal ermordet, oft vor ihren Familienmitgliedern, als blutige Warnsymbole.

Heute sind die Frauen im Swat trotz der grausamen Drohungen entschlossen, gegen Fazlullah aufzustehen, ihn und die Zerstörung und den Tod zu bezwingen. Halda etwa ist überzeugt: „Wenn Fazlullah wieder in unsere Region kommt, und die Männer es nicht schaffen, ihn zu stoppen, dann werden wir Frauen den Kampf gegen ihn aufnehmen.“

Es ist schon ironisch, dass es ein Taliban war, der als Erster das Potenzial und die Macht von Frauen im Swat-Tal erkannt hat und der sie direkt und explizit aufgerufen hat, sein Anliegen zu unterstützen. Er hat versucht, sie zu benutzen. Aber die Frauen haben ihn bald durchschaut. Manche Experten fragen sich: Wäre es nicht allerhöchste Zeit für die Entscheidungsträger und Strategen, das Potenzial von Frauen zu nutzen und durch sie die Zivilgesellschaft in effektiver Weise für Anti-Terror-Strategien zu mobilisieren?

Gefährliche Abwärtsspirale

Denn das Schicksal des Swat-Tals ist symptomatisch für die gefährliche Abwärtsspirale, in der Pakistan gefangen ist. Einst war das Swat-Tal als touristische Hoffnung gehandelt worden, als die Schweiz Pakistans. Das war allerdings bevor die Taliban das Tal zu ihrer Hochburg aufgerüstet hatten.

Doch Extremismus ist nur eines der zahlreichen Probleme Pakistans. Korruption ist weit verbreitet, Stromausfälle stehen auf der Tagesordnung. Die Mehrheit des Landes muss für etwa 20 Stunden täglich ohne Strom auskommen, hat keine Power.

Und „keine Power haben“ ist eine passende Metapher für das vorherrschende politische System. Rechtsstaatlichkeit ist eher die Ausnahme: Das Militär regiert mit eiserner Faust und gewalttätige Extremisten terrorisieren große Teile des Landes, auch die Hauptstadt Islamabad: Ganz Pakistan gilt inzwischen als sicherer Hafen für die radikalislamischen Taliban.

Im Swat-Tal wissen die Frauen, dass sie mit der Hilfe der Behörden nicht rechnen können. Jene Frauen, die bereit sind, ihre Geschichten zu erzählen, haben nur ein einziges Anliegen: Sie wollen ihre Männer und Söhne wieder haben, die entweder freiwillig oder unter Druck im terroristischen Netzwerk gefangen sind. Diejenigen, denen die Flucht gelang, wurden vom pakistanischen Militär als Taliban-Kämpfer eingestuft und eingesperrt. Im besten Fall sind sie in einem unbekannten Militärgefängnis. Oder sie sind tot oder noch in den Fängen der Taliban.

Die Frauen versuchen, zumindest einen winzigen Anhaltspunkt zu finden, der ihnen Aufschluss über ihren Verbleib geben kann. In einer so fragilen Situation suchen sie nach Sicherheit.

Mit zwölf Jahren rekrutiert

Auf der Reise zu unserem Treffen in Islamabad werden die Frauen von männlichen Familienmitgliedern begleitet. Einer davon ist Ahmed, 17 Jahre alt und ein ehemaliger Taliban-Kämpfer. Er wurde mit zwölf Jahren von den militanten Islamisten rekrutiert.

Ahmed ist vor Kurzem die Flucht gelungen, und nun träumt er davon, zu studieren, aber es wird schwierig werden. Er allein ist dafür zuständig, die weiblichen Mitglieder seiner Familie finanziell zu versorgen und sie zu beschützen. Sein älterer Bruder und sein Vater sind verschwunden, gefangen vom Militär oder den Taliban, niemand weiß es.

Ein anderer Begleiter ist ein alter gebrechlicher Mann mit einem langen Bart. Wenn er von seinen fünf Söhnen erzählt, die alle verschwunden sind, beginnt er zu weinen. Solche Emotionen zu zeigen, ist für einen Mann in diesem Kulturkreis sehr unüblich. Er entschuldigt sich und sagt: „Ich weine mir die Augen aus. Bald werde ich blind sein. Können Blinde weinen?“ Er hat drei seiner insgesamt fünf Schwiegertöchter nach Islamabad begleitet; für sie ist er nun die einzig verbliebene Unterstützung.

Prinzessinnenkrone für Hochzeit

Die Frauen haben ihre kleinen Kinder mitgebracht – natürlich. Wie konnte ich darauf vergessen, dass das so sein würde? Schnell gehen wir auf den Markt, um Spielsachen zu kaufen – Autos für die Buben und Prinzessinnenkronen für die Mädchen. Das war bestimmt nicht der Moment, um Geschlechterstereotypen aufzubrechen. Die Frauen freuten sich.

Eine sagte zu mir: „Meine Tochter wird die Krone an ihrem Hochzeitstag tragen.“ Das Mädchen ist neun Jahre alt.

(Edit Schlaffer, Die Presse, 10.08.2012, online abrufbar auf Die Presse)

 
 

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