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18. April 2009

Café Leopold © Welt.de

Das Café Leopold in Bombay

Die Stunde der Frauen

"Zeichen der Zeit" von Edit Schlaffer (Die Presse Spectrum, 14.3.2009)

Bombay, Kairo, Lahore: Mit jedem Terroranschlag wird deutlicher, dass mit konventionellen Methoden langfristig nicht effizient gegengesteuert werden kann. Über Antworten auf die Radikalisierung – und die Antiterror-Plattform „Save“.

Die Begriffe Stabilität und Sicherheit umweht ein Hauch von Nostalgie, Tempi passati. Die Regionen, die von Aufruhr und Anschlägen erschüttert werden, scheinen uns mittlerweile nicht mehr so weit weg zu sein. Die globale Destabilisierung ist eine der großen Herausforderungen, und mit jedem Terroranschlag wird klar, dass mit konventionellen Methoden langfristig nicht effizient gegengesteuert werden kann. Die zunehmende Radikalisierung verlangt nach neuen Antworten und kann nicht mehr eingegrenzt werden auf Krisenregionen und Gesellschaften im Aufbau und Übergang.

Der Terroranschlag auf das Kricket-Team in Lahore ist ein klarer Indikator dafür, dass Soft Targets ins Zentrum der neuen Garde der jungen Terroristen rücken. Sport ist oft das letzte neutrale Territorium, auf dem sich die Spieler treffen, wenn der Teamgeist der jeweiligen Länder, die sie vertreten, nicht mehr vorhanden ist, wenn die Regeln der Fairness schon längst aus dem Politikvokabular gestrichen sind.

Lahore ist die kulturelle Hochburg Pakistans, eines der geistigen Zentren des Islams und Schauplatz historischer Friedensgespräche zwischen Indien und Pakistan. Es war besonders schockierend, dass gerade hier mit Maschinengewehren und Raketenwerfern ausgerüstete Männer das sri-lankische Kricket-Team angriffen. Wie in Bombay waren die Attentäter jung, Anfang 20. Sie sind in motorisierten Rikschas auf einem Markt aufgetaucht und konnten nach einem andauernden Schusswechsel wieder untertauchen. Besonders eindrücklich ist ein Bild, das die „New York Times“ veröffentlicht: Ein junger Polizist beugt sich weinend über den Körper seines getöteten Kollegen.

In einer anderen Zeit wären diese jungen Polizisten und die Attentäter vielleicht Freunde gewesen, hätten Seite an Seite Kricket gespielt und gemeinsam trainiert. Ihre Wege sind auseinandergegangen. Wann genau ist das passiert? Und wie war es möglich, dass Hass, Wut und Zerstörungswille die treibenden Kräfte für das Lebensmotiv dieser jungen Männer wurden?

Ajmal Kasab hat seine Mutter in einem Dorf im pakistanischen Punjab besucht und sie gebeten, ihn für seinen Jihad zu segnen, bevor er sich für seine tödliche Mission in Bombay vorbereitete. Bei diesem letzten Besuch im Heimatdorf wurde beobachtet, wie er junge Burschen nahe einer Schule um sich versammelte, mit ihnen spielerisch kämpfte. Die nächsten Bilder, die sein Vater von ihm auf einer Polizeistation vorgespielt bekam, waren Videoaufnahmen, die Kasab mit einem Maschinengewehr bewaffnet in der Bahnhofshalle der Victoria Station in Bombay zeigten. Er ist der einzige überlebende Attentäter.

Unter Schluchzen identifizierte ihn sein Vater: „Ja, das ist mein Sohn Ajmal, das muss ich zugeben.“ Der junge Mann ist als Teenager von zu Hause weggegangen, nach Lahore. Frustriert, oft in Kleinkriminalität involviert, und schließlich immer wieder bei einer religiösen Gruppe gesichtet.

Panik auf dem Bahnsteig

Vor wenigen Wochen war ich in Bombay, in einem Raum mit Opfern und Überlebenden des Terroranschlags, der über 180 Menschenleben gefordert hat, quer durch die Stadt, und drei lange Tage gedauert hat. Die tödliche Energie des Terrors wird die Opfer und Überlebenden für immer begleiten. Nun sitzen wir gemeinsam im Mumbai Press Club. Alle sind gekommen, weil sie reden wollen. In den Tagen nach den Anschlägen war der Reporterrummel groß, es wurde hektisch interviewt, aber die Scheinwerfer sind mittlerweile abgedreht.

Da war Sharman, Fahrer bei der Navy. Am verhängnisvollen 26.November ist er gemeinsam mit seinem 16-jährigen Sohn Chutu in der Victoria Station, um Mutter und Tochter zu verabschieden. Auf dem Bahnsteig bricht Panik aus, es wird geschossen. Sharman wirft sich schützend über seinen Sohn, aber nicht rechtzeitig. Die Kugel trifft den Jungen in den Rücken und durchlöchert das Herz. Sharman sitzt weinend da: „Diese Kugel war doch für mich bestimmt, er war noch so jung.“

Der junge engagierte Journalist Shantanu bekommt eine SMS mit den letzten Worten seiner Frau: „Sie sind jetzt in meinem Badezimmer.“ Sie war im Taj Hotel und machte sich für eine Hochzeitsfeier zurecht, als der Terror begann. Shantanu bekam die traurige Gewissheit bestätigt, als nach drei Tagen ihre Leiche gefunden wurde. Heute ist er alleinerziehender Vater zweier Töchter. Er sagt: „Sie haben mir nicht nur meine Frau genommen, sondern den beiden Mädchen auch ihre Kindheit.“

Zwei junge hübsche Frauen, Anamika und Sarika, saßen im Café Leopold, einem beliebten Treffpunkt von jungen Einheimischen und Touristen. Anamika hat mit einem der Terroristen, der später erschossen wurde, kurzen Augenkontakt gehabt und sich gedacht: „Der gefällt mir, er ist wirklich hübsch.“ Sie erinnert sich an seine schicken Hosen. Sekunden später hat er die Gäste, die nicht rechtzeitig in Deckung gegangen sind, mit seinem Gewehr niedergemäht.

Anamika zeigt während der Diskussion ihre Bauchwunde, drei Kugeln haben sie durchbohrt. Von Tränen überwältigt, sagt sie: „Wer wird mich noch heiraten? Mein Leben ist vorbei.“ Diese Menschen leben Monate nach dem Vorfall in Paralyse und Hoffnungslosigkeit. Von der Welt vergessen zu werden, das wäre noch schlimmer als das Mitleid, das oft die Ersatzwährung für Verantwortung ist. Und deshalb waren sie zu diesem Gespräch bereit.

Am Tag zuvor, im Cama Albless Krankenhaus: Die Hebammen und Krankenschwestern erzählen, wie sie den Tag des Terrors überlebt haben. Es fallen Schüsse, sie schauen beim Fenster hinaus und sehen die Wachen zusammenbrechen. Da wissen sie, dass sie die Frauen und Babys in der Entbindungsstation in Sicherheit bringen müssen. Sie verbarrikadieren sich gemeinsam in einem Raum. Um das verräterische Geschrei der Babys zu verhindern, werden die den Müttern an die Brust gedrückt.

In der Zeit, in der die Terroristen das Spital durchsuchten und Granaten warfen, kamen zwei kleine Mädchen auf die Welt. Den Müttern wurde während der Geburt der Mund zugepresst, um die Schreie zu ersticken. Eines der kleinen Mädchen wurde von der Mutter auf den Namen Granti getauft, was so viel wie Revolution bedeutet.

Ein Vertreter der großen muslimischen Gemeinde Bombays war von der Geschichte der Krankenschwestern, die kühlen Kopf behielten, tief bewegt und bat sie, in seine Moschee zu kommen, damit seine muslimischen Gemeindemitglieder von der Courage dieser jungen Hindus erfahren können, um so eine Brücke zu schlagen über die Schwierigkeiten der Ethnien hinweg.

Das Management des Taj Hotels wurde nicht müde zu versichern, dass die treuen Gäste wieder zurück seien und die Normalität wieder eingekehrt. Ganz so normal gestaltet sich allerdings die Ankunft im Hotel nicht: Die Straße davor ist großräumig abgesperrt, und wenn man sein Zimmer verlässt, steht man einem bewaffneten Bewacher gegenüber.

Die Kellner, die nach einigen Tagen Vertrauen fassten, begannen Details zu erzählen. Wortfetzen, aus denen sich ein Puzzle des Horrors zusammenfügen ließ. Farid hat im kolonial anmutenden Poolbereich gerade serviert, als er durch die Glastür einen bewaffneten Jungen sichtet. Er schaltet schnell und lotst die Gäste in einen kleinen Abstellraum, wo sie die nächsten drei Tage zusammengekauert verbringen. Ohne Wasser, ohne Toilette. Aber sie haben überlebt. Der Manager des Hotels hat ebenfalls noch Gäste auf Schleichwegen in Sicherheit gebracht, während seine Familie im letzten Stock des alten Hotelteils ausgerottet wurde. Das Hotelmanagement hat die Toten geehrt und für die Überlebenden das Weitermachen zu ermöglichen versucht. Die gesamte Dekoration wurde geändert, sogar die Farbe des Bezugsstoffs der Stühle.

Das Café Leopold hat einen anderen Zugang. Der Besitzer weist uns noch extra hin auf die Einschüsse in der Wand. Die würden niemals entfernt werden. Aufgetürmte Sandsäcke an den neuralgischen Plätzen der Stadt alarmieren eher, als dass sie beruhigten. Die befragten Soldaten hinter den Sandbergen scheinen eher schicksalsergeben als abwehrbereit zu sein.

Radikale Ideologien mit ihren tödlichen Konsequenzen aufzuspüren erfordert ein umfassendes Strategiekonzept, das nicht auf die traditionellen Bereiche Verteidigung und Sicherheitspolitik beschränkt sein kann. Die Frage ist: Wo sind die Seismografen der Gesellschaft angesiedelt? Welche Frühwarnsysteme können eingesetzt werden?

Zivilgesellschaft unter Druck

Und die globale Gemeinschaft ist unter Druck, sie darf keine Zeit verlieren. Das ist die Stunde der Zivilgesellschaft und der Frauen, ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten einzusetzen. Vor allem Frauen sind strategisch positioniert, am Puls der Familien und Gemeinschaften, wo sie oft als Erste Gefühle der Unzufriedenheit, Resignation und Wut in der heranwachsenden Generation wahrnehmen. Frauen können der zentrale Ansatzpunkt eines solchen Frühwarnsystems sein. Das setzt voraus, dass Bildungseinrichtungen ein gesellschaftspolitisches Gewicht haben, Weltbürger erziehen, sie sensibel machen für die Auseinandersetzung mit potenziellen Bedrohungen, radikalen Ideologien und bereit dafür, auf dem Fundament von Aufklärung und Freiheit ihr Leben und unsere Zukunft zu bauen.

Eine neue Bewegung von Frauen, die entschlossen sind, diesen Weg zu gehen, hat sich in Wien am Jahresende formiert: Frauen aus aller Welt, von Kosovo bis Kolumbien, von Afrika bis Asien, vom Nahen Osten bis Nordirland sind zusammengekommen, um ein strategisches Forum zu entwerfen für eine neue Architektur des Friedens, die auf Verhandlung, Verständnis und Versöhnung basiert: SAVE – Sisters Against Violent Extremism. Es geht um den Traum, ein gemeinsames, sicheres Territorium zu realisieren. Das Zeitalter der Großprojekte ist gescheitert, die Strategie der sorgfältig durchdachten kleinen Schritte ist der neue Weg – und für diese Reise müssen wir eine Reihe von Überzeugungen zurücklassen: dass es schnelle Lösungen gibt, dass Angriff die einzige Form der Verteidigung ist.

Die Schaffung von „Save Spaces“ ist der Aktionsplan der Aktivistinnen. Und sie operieren auf vertrautem Terrain: in Familien, Schulen und Politik. In diesen Bereichen müssen Sicherheit und Stabilität konsequent thematisiert werden, und paradoxerweise entstehen genau hier Irritationen, die oft übersehen, verdrängt und ausgeblendet werden, mit verhängnisvollen Konsequenzen. Das spüren wir alle, vor allem aber spürt das die junge Generation. Sie muss darauf vertrauen können, dass es Antworten auf ihre dringlichsten Fragen gibt: wie wir zusammenleben möchten, welche Lösungen es für ihre persönlichen Probleme gibt und welche die Antworten der Gesellschaft auf die wachsende Unsicherheit und Gewalt um uns sind.

 
 

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